Westafrika Magazin

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Rezension: Dekolonisierung des Denkens:

Das 272 Seiten starke Werk ist im Oktober 2017 im Unrast Verlag in der Übersetzung von Thomas Brückner erschienen. Gemeinsam mit stimmen afrikas/Allerweltshaus Köln e.V. gibt die Afrika Kooperative e.V. diese Essay-Sammlung unter dem Titel „Dekolonisierung des Denkens“ heraus. Sie enthält zusätzlich Beiträge von Boubacar Boris Diop (Senegal), Achille Mbembe (Kamerun), Petina Gappah (Simbabwe), Sonwabiso Ngcowa (Südafrika) und Mukoma wa Ngũgĩ (Kenia). Die Übersetzung wurde freundlicherweise unterstützt von der Stiftung für Umwelt und Entwicklung NRW.

LESEPROBE

1962 wurde ich zu jenem historischen Treffen afrikanischer Schriftsteller am Makerere University College in Kampala in Uganda eingeladen. Auf der Teilnehmerliste standen die meisten der Namen, die seither in der ganzen Welt Gegenstand wissenschaftlicher Abhandlungen geworden sind. Der Titel: »Eine Konferenz afrikanischer Schriftsteller englischer Sprache«.

Ich studierte damals am Makerere, einem Übersee-College der University of London, Englische Sprache und Literatur. Die sichere Aussicht, Chinua Achebe zu treffen, war für mich die Hauptattraktion. Ich trug das unfertige Schreibmaschinenskript des Romans »Weep Not Child« bei mir und wünschte mir, dass er es liest. 1961, im Jahr davor, hatte ich »The River Between« abgeschlossen, meinen ersten Versuch eines Romans, und ihn bei einem Schreibwettbewerb eingereicht. Ich trat in die Fußstapfen von Peter Abrahams mit seinen Romanen und autobiografischen Werken von »The Path of Thunder« (1948) bis »Tell Freedom« (1954), dem Chinua Achebe 1958 mit der Veröffentlichung von »Things Fall Apart« folgte. Ihre Gegenstücke fanden sich in den französischen Kolonien mit der Generation von Sédar Senghor und David Diop, deren Texte in der Pariser Ausgabe der »Anthologie de la nouvelle poésie nègre et malgache de langue francaise« aus dem Jahr 1947/48 enthalten waren. Sie schrieben alle in europäischen Sprachen und das war auch bei den Teilnehmern jener bedeutsamen Begegnung auf dem Makerere-Hügel in Kampala im Jahr 1962 der Fall.

Der Titel »Eine Konferenz afrikanischer Schriftsteller englischer Sprache« schloss automatisch all jene aus, die in afrikanischen Sprachen schrieben. Jetzt, da ich von den selbstzweiflerischen Höhen des Jahres 1986 zurückblicke, kann ich die darin enthaltene absurde Anomalie erkennen. Ich, ein Student, war auf der Grundlage von gerade einmal zwei veröffentlichten Kurzgeschichten für dieses Treffen qualifiziert: »The Fig Tree« (Mũgumo) in der Studentenzeitschrift »Penpoint« und »The Return« in der neuen Zeitschrift »Transition«. Doch weder Shabaan Robert, damals der größte lebende ostafrikanische Dichter, der mehrere dichterische und erzählerische Werke auf Kiswahili vorzuweisen hatte, noch Chief Fagunwa, der große nigerianische Schriftsteller mit mehreren auf Yoruba veröffentlichten Büchern, kamen dafür infrage.

Die Diskussionen über den Roman, die Kurzgeschichte, über Dichtung und Theater fußten auf Auszügen englischsprachiger Arbeiten und schlossen damit die großen Werke in Kiswahili, Zulu, Yoruba, Arabisch, Amharisch und anderen afrikanischen Sprachen aus. Dennoch: Die Präliminarien waren kaum vorüber, da widmete sich diese »Konferenz afrikanischer Schriftsteller englischer Sprache« trotz des Ausschlusses der Schriftsteller und der Literatur in afrikanischen Sprachen dem ersten Tagesordnungspunkt: »Was ist afrikanische Literatur?«

Eine lebhafte Debatte schloss sich an: Handelte es sich dabei um Literatur über Afrika oder über die afrikanische Erfahrung? War sie Literatur, die von Afrikanern geschrieben wurde? Wie stand es um einen Nicht-Afrikaner, der über Afrika schrieb: War sein Werk zur afrikanischen Literatur zu zählen? Was, wenn ein Afrikaner sein Werk in Grönland spielen ließ: Zählte es ebenfalls zur afrikanischen Literatur? Oder waren afrikanische Sprachen das Kriterium? Wenn ja, wie verhielt es sich mit dem Arabischen, war es nicht eine afrikafremde Sprache? Was war mit dem Englischen oder Französischen, die afrikanische Sprachen geworden waren? Was, wenn ein Europäer in einer afrikanischen Sprache über Afrika schrieb? Was ... wenn ... wie ... dies oder jenes, nur das eine Thema nicht: die Herrschaft der Sprachen des imperialistischen Europa über unsere Sprachen und Kulturen: Jedenfalls waren weder Fagunwa noch Shabaan Robert oder irgendein Schriftsteller vor Ort, der in einer afrikanischen Sprache schrieb, um die Konferenz aus den Bereichen ausweichender Abstraktion herauszuholen. Nicht ein einziges Mal wurde ernsthaft die Frage gestellt: War das, was wir schrieben, tatsächlich afrikanische Literatur? Auch der gesamte Bereich von Literatur und Lesepublikum - und damit der Sprache als Determinante sowohl des nationalen als auch des klassenbezogen ausgerichteten Lesepublikums - spielte keine wirkliche Rolle: Die Debatte drehte sich stärker um den Gegenstand und den rassischen Ursprung1 sowie um die geografische Verortung des Schriftstellers. ...

... Meiner Ansicht nach war die Sprache das wichtigste Vehikel, dank dessen jene Macht faszinierte und die Seele gefangen hielt. Die Gewehrkugel war Mittel der physischen Unterwerfung. Die Sprache war Werkzeug der geistigen Unterwerfung.

1Ngũgĩ wa Thiong’o versteht »Rassen« nicht biologistisch. »Rassen« sind das Ergebnis rassistischer, kulturell-diskursiver Setzungen, die sich im Laufe der Jahrhunderte wirkmächtig in Glaubensgrundsätze, (Sprech-)Handlungen und identitäre Muster eingeschrieben haben und damit Erfahrungen und (Lebens-) Realitäten prägen (Anm. d. Hrsg.).

ENDE LESEPROBE

 

 

Biographie

Der Autor Ngugi wa Thiong’o heißt mit bürgerlichem Namen James Thiong’o Ngugi, geboren am 5 Januar1938 in Limuru, Kenia.

Mit Weep Not, Child (1964) war erder erste ostafrikanische  Schriftsteller, der einen verkaufsstarken Roman in englischer Sprache verfasst hat. Später, während eines politisch motivierten Gefängnisaufenthaltes entschied er sich jedoch, die Original Fassung seiner Bücher in seiner Muttersprache,  zu verfassen. 

Damals nahm er mit »Decolonising the Mind« seinen »Abschied von der englischen Sprache als Medium, denn in den Kolonialsprachen Englisch, Französisch, Portugiesisch sah er Mittel zum Machterhalt der kolonialen und neokolonialen Kräfte, die sogar das afrikanische Denken prägten. Zum Kampf um Selbstbestimmung und demokratische Teilhabe gehört für ihn, sich in der Muttersprache auszudrücken - und erst danach zu übersetzen.

Ngugi hat einen Bachalor der Makere Universität, Kampala, Uganda, 1963 und von der Leeds University, Yorkshire, England in 1964. Zunächst arbeitete er an der Universität in Leeds, dann wurde er Dozent für Englisch am Universitäts College in Nairobi, Kenya und visiting professor of Engish an der Northwestern University, Evanston, Illionois, US. Von 1972 - 1977 war er Dozent und Leiter der Literaturabteilung an der Universität Nairobi, später Professor für English und Vergleichende Literatur an der Universität Californien, Irvine, USA. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und hat mehrere Ehrendoktortitel erhalten.

Als Autor kann Ngugi auf ein Lebenswerk zahlreicher sehr erfolgreicher Titel zurückblicken, Homecoming (1972), Writers in Politics (1981), Barrel of a Pen (1983), Moving the Centre(1993), and Penpoints, Gunpoints, and Dreams (1998). In Decolonising the Mind: The Politics of Language in African Literature (1986), Mũrogi was Kagogo (2004) um nur einige zu nennen. Die vollständige Bibliograhpie finden Sie auf der Webseite des Autors. 

Aufgewachsen in einer britischen Siedlerkolonie erlebte er die MauMau Kriege, die Unabhängikeit Kenias und die Entwicklung des modernen Kenias bis heute. Das Wissen um die Kolonisation und ihre Effekte hat ihn besonders stark geprägt. In allen seinen Werken geht es um Literatur, Kultur und Politik. Als Intelektueller hat er sich stets kritisch geäußert. Das brachte ihn 1977 in ernste Schwierigkeiten. In seinem Roman Petals of Blood und seinem Theaterstück "I will marry when I want" übte er schonungslos Kritik an Mißständen der Kenianischen Gesellschaft und landete promt im Gefängnis. Durch die Intervention von Amnesty International kam er nach einem Jahr frei doch die Regierung Moi verbot ihm jede Lehrtätigkeit und seine Bücher wurden im Lande verbannt. So blieb ihm nur das Exil. Seither reist er viel, unterrichtet Literatur an den verschiedensten Universitäten und präsentiert seine Werke. 

Kommentar

Der Autor schreibt in einem spannenden Stil über seine Erlebnisse als Intellektueller und Schriftsteller. Dadurch ergeben sich für den Leser viele Einblicke in die Aktivitäten und Lebensweise in dieser Zeit. Es ist spannend zu lesen und mitzuerleben, wie sich Afrika zur Zeit des Übergangs in die Unabhängigkeit entwickelt hat. Der Schwerpunkt liegt dabei in den 60er und 70er Jahren. Tief geprägt wurde der Autor in dieser Zeit durch die Erlebnisse des Übergangs von der Kolonialherrschaft zur Unabhängigkeit.

Aus diesen Erlebnissen zieht er den Schluss Sprache als Ausdruck von Unterdrückung (Kolonialsprache) oder Freiheit (Muttersprache) zu interpretieren. Die Sprache ist für ihn ein Mittel der geistigen Unterwerfung. Ein unbedingt lesenswertes Werk, wenn man sich für die Zeit interessiert und die Argumentation der Afrikaner verstehen möchte, die sich für den Abkehr von den internationalen Sprachen und zur Hinwendung zu den lokalen Sprachen und Dialekten aussprechen. Gerade diese Argumentation, dass die Abwendung von der Muttersprache ein Element von Unterdrückung sei, ist gerade bei afrikanischen Intellektuellen sehr populär. 

Auch für einen Schriftsteller, der beide Sprachen beherrscht, sollte es eine Überlegung wert sein, ob es nicht sinnvoller ist, die Version seines Werkes sprachlich auszufeilen, die von den meisten Lesern gelesen wird, statt dies einem Übersetzer zu überlassen. 

Kritik

Abgesehen davon, dass viele afrikanische Sprachen bis heute keine verschriftlichen Sprachen sind und damit für einen Schriftsteller nur bedingt sinnvoll einsetzbar sind, ist eine generelle Abkehr von übergreifenden Kommunikationssprachen für Länder in den es oft 5 oder noch viel mehr unterschiedliche Muttersprachen gibt mit größten praktischen Schwierigkeiten und hohen Umsetzungskosten verbunden. Das soll nicht bedeuten, dass Muttersprache nicht wichtig ist. Muttersprachen sollten auf jeden Fall weiter gepflegt werden. Sie sind wichtig um kulturelle Herkunft zu festigen und zu verstehen. Um Sprachen weiterhin pflegen zu können, ist es sehr gut, wenn es auch in den Sprachen hochwertige Literatur gibt, die eher selten sind. Damit wird ein Anreiz geschaffen, sich mit Muttersprache auseinanderzusetzen.

Noch wichtiger scheint mir jedoch das "Empowerment" aller Bevölkerungsschichten durch Sprache. Die Sicht auf Sprache als Vehikel internationaler Kommunikation in einer globalisierten Welt, die direkten Austausch von Informationen ermöglicht existieren in der Weltanschauung von Ngugi wa Thiong’o anscheinend nicht. So ist heute das Beherrschen der bedeutenden internationalen Verkehrssprachen essentiell um z.B. an internationalen Konferenzen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen oder politischen Diskussionen kompetent teilnehmen und mitbestimmen zu können. Der Ansatz der afrikanischen Intellektuellen, den Menschen in einer Welt wo Schulbildung bzw. Lesen und Schreiben lernen eine knappe Resourcen sind, den Menschen den Weg zur internationalen Kommunikation zu erschweren, indem zumindest in den ersten Schuljahren in lokalen Sprachen unterrichtet werden soll, erscheint mir eher ein erneutes Werkzeug zur Unterwerfung und Kontrolle der Massen zu sein. Nur, dieses Mal findet die Unterdrückung von Afrikaner zu Afrikaner statt. 

Für einen Schriftsteller, der beide Sprachen beherrscht, sollte es eine Überlegung wert sein, ob es nicht sinnvoller ist, die Version seines Werkes sprachlich auszufeilen, die von den meisten Lesern gelesen wird, statt dies einem Übersetzer zu überlassen. 

 


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